Der Friseur, dem Peter Frankenfeld vertraute » Ihr StadtFriseur - Uwe Zimmermann

Artikel aus dem Hamburger Abendblatt vom 16. Mai 2019

Seit Jahrzehnten schneidet, schamponiert und färbt Uwe Zimmermann die Haare der Pinneberger. Jetzt feiert er das 50-jährige Bestehen

Bis eben saß Uwe Zimmermann noch ganz ruhig da. Aber jetzt, wenn es um strapazierte Spitzen geht, macht er sie doch noch, diese typische Handbewegung, die bei einem Friseur für gewöhnlich sagen will: „Wenn wir hier noch ein bisschen wegnehmen, und da etwas anstufen, verleiht das Ihrem Haar einen ganz anderen Ausdruck – mit viel mehr Fülle und Spannkraft.“ Dabei streicht er seiner Frau Renate so fachmännisch durch die blonden Strähnen, dass unweigerlich der Eindruck entsteht: Gelernt ist gelernt.

Wer wüsste das besser als Friseurmeister Uwe Zimmermann? In all seinen vielen Berufsjahren hat er mehr als 200 Auszubildende auf das Leben als Haarexperte vorbereitet. Jetzt ist einmal
Zeit, selbst zurückzublicken. Seit 50 Jahren rasiert, schamponiert und stutzt er nun schon im Kreis Pinneberg die Schöpfe. Im Mai 1969 eröffneten seine Frau Renate und er ihren ersten Salon in
Uetersen. Am Sonnabend feiert sie dieses halbe Jahrhundert Standorttreue.

Ob Lottofee oder TV-Legende, Zimmermann hatte sie alle

Der vielleicht bekannteste Friseurmeister Pinnebergs darf als Chronist seiner Zunft gelten. In all den Jahren ist ihm so ziemlich alles unter die Schere gekommen: sämtliche Haarfarben, Haarlängen, Haartrends und Haarkatastrophen, Hundehaar, Pferdehaar, fast jeder Bürgermeister, Politiker aller Couleur sowie Lottofee Karin Tietze-Ludwig. Auch Peter Frankenfeld ließ sich bei ihm die Haare schneiden, als sein Stammfriseur verhindert war: „Wir haben nett geplaudert, er hat Trinkgeld gegeben und sich nicht beschwert“, erinnert sich Zimmermann. Als Friseur – kein Klischee – erfahre man alles. Beziehungsprobleme, Sexleben, Krankheiten.

Uwe Zimmermann, 77 Jahre alt und mit fein justiertem Vollbart sowie adrett gelegtem Haupthaar noch immer ein Friseur aus dem Bilderbuch, erinnert sein Geschäftsgeburtstag an seine Anfangstage.Wie die regelmäßigen Friseurbesuche mit seinen Eltern im Eppendorf der 50er-Jahre seine Faszination für Haare weckten. „Es war ja die Zeit von Bill Haley, und die Locke wollte ich auch haben“.

Koch oder Friseur – diese Entscheidung musste der gebürtige Hamburger treffen. „In beiden Bereichen hatte ich das Gefühl, meine Kreativität ausleben zu können.“ Er griff zur Schere.  Ausbildung in Eppendorf, Weiterbildung beim damaligen Weltmeister an der Mönckebergstraße und dann als Studioleiter für einen Haarfarbenhersteller nach Düsseldorf – welch glückliche Fügung. Denn am Rhein, wo er im weißen Dinnerjacket auch Showauftritte auf der Bühne hinlegte, lernte er seine Frau Renate kennen: hoch dekorierte Fachfrau als niederländische,
belgische und nordrheinwestfälische Friseurmeisterin.

Trotz anfänglicher Mentalitätsprobleme der rheinischen Frohnatur (Die spröden Norddeutschen!) eröffnete das Ehepaar im Norden ihren Familienbetrieb und baute ihn zum kleinen Friseurimperium aus. Es waren goldene Zeiten. Bis in die 70er-Jahre standen die Leute Schlange beim Friseur. Waschen, Legen, Föhnen gehörte zum guten Ton, Dauerwellen waren das große Ding. Einträglich sei aber etwas anderes gewesen, der Verkauf von Perücken. 49 D-Mark pro Stück, bei Sonderwünschen auch mehr. „Damit haben wir ganz ordentlich verdient.“

Auf dem Gipfel des Erfolgs hatte das Ehepaar 87 Mitarbeiter an sieben Standorten. Zur Eröffnung des ersten Ladens kam der damals amtierende Friseurweltmeister Michael Rosinski aus Bielefeld. Aktuell beschäftigen Zimmermanns 24 Friseure in vier Läden. Auch ihre Tochter Natalie wurde von einer Friseurkarriere überzeugt; sie arbeitet heute als Meisterin im Wedeler Salon. Alle Läden firmieren nach wie vor unter dem Namen von damals: „Jet-Z – ihr Stadtfriseur“

Kein Klischee: Beim Friseur wird alles erzählt – auch zu viel

Die goldenen Zeiten sind jedoch vorbei: Die Leute färben ihre Haare heute selbst, immer mehr Billig-Anbieter schwemmen den Friseurmarkt, heißen plötzlich Hair-Stylist und bieten Schnitte unter zehn Euro an. Dass mehr zum Handwerk gehört, wissen aber nicht alle. So manches Malheur landete deshalb doch wieder in den reich dekorierten Salons der Zimmermanns. Erst seit der Einführung des Mindestlohns hat sich die Branche stabilisiert. Und Zimmermann sei immer einer gewesen, der sich für seine Zunft eingesetzt habe, sagt er.

„Als Handwerker muss man auch immer ein guter Mundwerker sein“, sagt Uwe Zimmermann. Mit der nötigen Fähigkeit zuzuhören. „Neben Ärzten und Physiotherapeuten sind Friseure ja die
Letzten, die fremde Menschen noch berühren“, ergänzt Tochter Natalie. Da vertrauen sich die Leute an. Ein guter Friseur sei deshalb auch immer wahlweise Psychologe, Künstler oder  Rendezvous-Retter. Beim Kopfwaschen öffnen sich die Menschen, manchmal zu sehr. Zimmermann kenne mittlerweile fast jedes Krankheitsbild, könne Psychologieseminare geben und hat jedes Beziehungsproblem schon gehört. Das heißt allerdings nicht, dass er es auch lösen könnte. Zumal die harten Fälle sowieso fachlicher Natur sind. Am teuersten werde es etwa immer, wenn Haare nach eigenen Färbeversuchen von einem richtigen Friseur wieder in Richtung Normalität gebracht werden sollen. Oder, wenn ausgefallene Wünsche auf die nackte Realität treffen. Denn zur Wahrheit gehört auch: Wo kaum Haar ist, kann auch ein Friseur wenig ausrichten. „Trotzdem sollen wir manchmal aus einem Kaktus eine Orchidee machen.“ Und wem vertraut ein Friseur seine eigenen Haare an? „Wir machen oft die Badezimmernummer“, sagt Frau Renate. Das bedeutet, dass sich das Ehepaar gegenseitig die Haare aufhübscht. Aber gern setzen sie sich auch einfach in einen ihrer Salons und lassen sich von ihren Mitarbeitern verwöhnen. Inzwischen hat sich der Friseurmeister aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. „Nur für langjährige Stammkunden mache ich eine Ausnahme“, sagt er. „Auch wenn die nicht wegen des Haarschnitts, sondern des Unterhaltungswertes wegen kommen.“

Für die Zukunft wünscht sich das Ehepaar, dass ihre Zunft generell wieder mehr Ansehen genießt. So wie früher. Denn wenn alle nur noch studieren wollen, werde der Fachkräftemangel nicht kleiner. Den Anfang haben sie in der eigenen Familie gemacht. Nach Tochter Natalie steigt auch Enkelin Nina mit 20 Jahren ins Geschäft ein. Die Geschichte des Stadtfriseurs Zimmermann ist anscheinend noch nicht auserzählt. (Nico Binde)